Hypnose mit Nebenwirkungen
- andreschrader
- 10. März 2021
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. März 2021
Hypnose mit Nebenwirkungen
Nach einem ausgiebigen Spaziergang haben wir uns mit dem Auto wieder auf den Weg gemacht. Malou lag wie gewöhnlich flach in seiner gepolsterten Premium-Transportbox im Kofferraum und döste vor sich hin. Wir waren kaum losgefahren, da tauchte sein Kopf plötzlich zwischen den Rücksitzen wieder auf:
„Das ist aber nicht der Weg nach Hause,“ stellte er nüchtern fest.
Dieser unglaubliche Orientierungssinn verblüfft mich immer wieder. Er weiß ganz genau, wann wir uns unserem Heimatdorf nähern. Weit vorher wird er unruhig, fängt an zu quengeln und kann es nicht erwarten, endlich wieder auszusteigen. Hat so ein Dorf eigentlich einen ganz eigenen Geruch, den er wittern und aufnehmen kann? Liegt es an der Beschaffenheit des Straßenbelags, der sich über die Autoreifen und die Karosserie auf den Innenraum überträgt? Oder erkennt er den immer gleichen Radius der Kurven kurz vor dem Ziel anhand der Fliehkräfte? Ich werde dieses Rätsel wohl nicht mehr auflösen.
„Wir haben außerhalb noch einen wichtigen Termin. Bei einem Psychologen,“ erklärte ich ihm kurz.
„Oh, muss ich mir Sorgen machen? Bist Du etwa krank?“ fragte er ernsthaft besorgt.
„Äh, nein. Es geht weniger um mich. Es handelt sich mehr um einen Experten, der sich auf die Psyche der Tiere spezialisiert hat. Auf das Seelenwohl der Hunde, um genau zu sein.“
„Bist Du IRRE?“ fragte er überrascht. „Ich bin mir absolut sicher, dass mir rein gar nichts fehlt. Bei Dir bin ich mir da im Moment nicht so sicher.“ Er zog kritisch eine Augenbraue nach oben.
„Warts doch erst mal ab. Der Mann ist eine echte Koryphäe auf seinem Gebiet. Auf seiner Homepage verspricht er, dass er unerwünschten Jagdtrieb beim Hund mittels Hypnose in nur einer Sitzung vollständig beseitigen kann.“ „Bist Du schon mal auf die Idee gekommen, dass es sich schlicht um einen Scharlatan handelt, wenn er sowas behauptet.“ „Nein, nein. Schau, das ist wie bei der modernen Raucherentwöhnung. Der Süchtige weiß natürlich, dass er mit jeder Zigarette seinem Körper schadet, er ist aber selbst nicht in der Lage, seine schlechte Angewohnheit aufzugeben. In einem Zustand tiefer körperlicher und psychischer Entspannung aber bekommt der Therapeut Zugang zu deinem Unterbewusstsein und kann den Änderungsprozess beschleunigen. Er versetzt Dich mit der Trance in eine Art Halbschlaf. Durch suggestive Eingebungen widmet er sich Deinen problematischen Erfahrungen, um unerwünschte Verhaltensweisen auszuräumen. Schließlich bist du neulich einem Fuchs bis auf die Bundesstraße gefolgt.“
„Du meinst, er will in meine Gedanken eindringen, um meine ureigensten Instinkte zu manipulieren?“ „Ja, so wie Du es sagst, klingt es ein wenig drastisch, aber so könnte man es ausdrücken.“ „Hm, es scheint doch noch ein interessanter Nachmittag werden…“ Sagte es und schaute verstohlen zur Seite. Bei seinen letzten Worten hätte ich eigentlich hellhörig werden müssen, aber da bog ich schon mit dem SUV in die Zufahrt des denkmalgeschützten Herrenhauses ein, in dem sich die Praxis befand. Die Reifen knirschten unter dem hellen Kies und wir stoppten in Höhe des Haupteinganges.
Ein kleiner Butler mit schütterem Haar, das in langen Streifen strähnig an der Seite herunterhing, öffnete uns in gebeugter Haltung in seinem dunklen, verschlissenen Anzug die schwere Tür, die sich gegen die Bewegung mit einem lauten knarren zu Wehr setzen wollte. „Willkommen. Das Medium erwartet sie bereits,“ begrüßte er uns geheimnisvoll. Er trat zur Seite und gab den Weg in eine dunkle und unheimliche Vorhalle frei.
An den Wänden standen Accessoires aus längst vergangenen Zeiten und ein aufdringlicher, modriger Geruch stieg in meine Nase. Am Empfang hinter einem massiven Tresen aus dunklem Eichenholz erwartete uns eine grell geschminkte Dame in einem viel zu engen weißen Krankenhauskittel, der ihre weiblichen Vorzüge deutlich zur Geltung brachte, und die so gar nicht in die Umgebung passen wollte. Sie kaute gelangweilt auf ihrem Kaugummi und war vollauf mit der Maniküre ihrer knalligen Fingernägel beschäftigt. Bevor wir etwas fragen konnten, schaute sie kurz auf und deutete mit einem kurzen Nicken in Richtung Behandlungszimmer rechts von ihr.
Schüchtern betraten wir den Raum, der mit schweren Möbeln, und einem rissigen, weichen Sofa im englischen Stil eingerichtet war.
„Ah, treten sie näher, treten sie näher…,“ wurden wir von einem kauzigen Mann mit wirrer Frisur begrüßt, der offenbar an einer starken Kurzsichtigkeit litt, wenn man die dicken Gläser seiner Nickelbrille zu Grunde legte. „Nehmen Sie doch Platz.“ Er zeigte dabei auf den gepolsterten Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Seit wann interessieren Sie sich übermäßig für die kaltblütige Jagd?“ fragte er in meine Richtung. „Äh, Herr Professor, hier muss wohl ein kleines Missverständnis vorliegen. Nicht ich bin das Problem sondern…(mein Hund).“ Ich deutete dabei auf Malou, der verständnislos neben mir stand. Die letzten Worte sprach dabei nicht wirklich aus, sondern bildete sie nur mit meinen Lippen.
„Verstehe, verstehe. Dann würde ich vorschlagen, sie nehmen im Wartezimmer Platz und ich widme mich derweil ausgiebig der Materie.“
Also begab ich mich ein wenig widerstrebend in das kleine, dunkle Nachbarzimmer, um geduldig das Ende der Behandlung abzuwarten. Hier fiel mein Blick sofort auf eine Vitrine, in der antike, längst vergessene Utensilien der Medizin ausgestellt waren. Riesige Kolbenspritzen lagen fein säuberlich neben Sägen und Zangen aus chirurgischen Urzeiten. Die gespenstische Umgebung verstärkte allerdings mein Unbehagen und ich stellte mir zwangsläufig die Frage, ob es eine gute Idee war, Malou allein in den Fängen des mysteriösen Professors zu lassen. Vor meinem geistigen Auge tauchte der Mediziner plötzlich mit einer überlangen Nadelspitze auf, mit der er sich langsam Malous Ohr näherte, um ihm eine dunkle Flüssigkeit… Nach einer kurzen Wartezeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich musste meinen geliebten Hund aus den Fängen dieses, dieses…Monsters befreien, koste es, was es wolle. Im Laufschritt stürmte ich zurück zum Behandlungszimmer und riss die Verbindungstür auf. „Malou, Du kommst jetzt sofort mit mir,“ rief ich laut. „Schluss jetzt mit den Tierversuchen…“ Was ich jetzt aber zu sehen bekam, ließ mich abrupt abstoppen. Auf dem Boden stand ein übergroßer Plüschhase an einen Hocker gelehnt. Davor kniete der Mediziner, fixierte das Stofftier und hob seine linke Vorderhand zum „Vorstehen“, während Malou letzte Korrekturen an der Haltung vornahm.
„Oh, ist es schon soweit?“ fragte Malou vergnügt. „Ist die Sitzung schon zu Ende? Hat mich sehr gefreut Herr Professor.“ „Ja, mich auch. Vielleicht sollten wir die Übung bei Gelegenheit noch einmal wiederholen. Und Waidmannsheil.“ – „Waidmannsdank,“ entgegnete Malou, während er mich hinausbegleitete.
„Was um Himmels Willen ist darin passiert?“ fragte ich ihn immer noch aufgeregt, als wir in sicherer Entfernung das Auto erreichten und losfuhren.
„Also, zunächst ich sollte mich auf diese Couch setzen und entspannen. Dann hielt mir so eine Art bunte Drehscheibe vor die Nase. `Konzentriere dich nur auf die Scheibe,` sagte er mit ruhiger und sonorer Stimme. Dann setzte sich dieser Kreis langsam in Bewegung und wurde schneller und schneller. Bei dem farbigen Licht und der Drehung wurde mir ganz schummrig vor Augen, seine Stimme klang wie aus weiter Ferne. Er hatte sich in meinen Kopf geschlichen. Ich solle von der Jagd Abstand nehmen, befahl er mir. Die armen, possierlichen und flauschigen Hasen, Rehe und Fasane seien von nun an alle meine Freunde. Ich werde nur noch Liebe und Zuneigung für sie empfinden, die Zeit der Hetzjagden sei ein für alle Mal vorbei.
Ich aber konnte nur noch an diese Scheibe denken, die aussah wie diese runden Lollys aus gebogenen Zuckerstangen. Meine Augen rollten im Rhythmus mit und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Als er kurz unaufmerksam war, konnte ich nicht mehr anders. Blitzschnell habe ich 2- oder 3-mal daran geschleckt. Das hatte aber zur Folge, dass der „Lolly“ seine Drehgeschwindigkeit stetig verlangsamte und immer langsamer und langsamer wurde, bis zu einem kurzen Stillstand. Dann aber drehte er sich plötzlich in die andere Richtung. Er setzte gemächlich wieder ein und rotierte los, bis er seine vorherige Geschwindigkeit wieder aufgenommen hatte, nur eben entgegengesetzt. Und was soll ich sagen: plötzlich konnte ich die Gedanken von dem Professor lesen. Was er anschließend noch mit seiner heißen Sprechstundenhilfe vorhat und so´n Zeug. Da habe ich mir gedacht, dass ich die Gelegenheit auch nutzen könnte, um ihn von den Vorzügen der Jagd zu überzeugen.
Ich erzählte ihm von diesem unwiderstehlichen Drang, wenn man die Witterung aufnimmt. Dieses wunderbare Gefühl der Freiheit, wenn ich über eine saftige, grüne Wiese laufe. Dieses Kribbeln im Bauch in froher Erwartung, wenn der Geruch des Wildes in meine Nase dringt. Wie ich alles andere um mich herum ausblende, wenn ich ein Ziel ausgemacht habe, als wenn ich wie im Rausch in eine andere Welt eintauche.
Je mehr ich erzählt habe, desto merkwürdiger hat sich der Professor verhalten. Erst versuchte er, mit seiner kurzen Zunge seine Nase zu lecken. Schließlich stand er auf und wedelte mit dem Hinterteil….“
„Sehr merkwürdig. Sehr, sehr merkwürdig,“ meinte ich nachdenklich.
In diesem Moment ertönte der Klingelton meines Handys aus der Jackentasche. Ich nahm das Gespräch an und lauschte dem anderen Teilnehmer: „Ja, hm, sicher…ich melde mich bei ihnen.“
Als das Gespräch beendet war, schaute ich Malou stumm an. „Wer war es denn,“ erkundigte er sich. „Es war der Professor. Er möchte von uns wissen, wo es diese leckeren, unwiderstehlichen Schweineohren zu kaufen gibt…“



Kommentare