Wesenstest
- andreschrader
- 7. Feb. 2021
- 5 Min. Lesezeit
Geistesgegenwärtig lenkte ich bei voller Fahrt den Kombi auf den Standstreifen der vielbefahrenen Bundesstraße und leitete gleichzeitig eine grenzwertige Gefahrenbremsung mit blockierenden Reifen ein. Noch bevor der Wagen zum Stillstand kam, löste ich den Sicherheitsgurt und riss die Fahrertür auf. Mit einem Satz sprang ich aus dem Auto und rannte zum Kofferraum, wo ich schwungvoll die Heckklappe öffnete.
Schwer atmend lag Malou auf der Seite und war nicht mehr ansprechbar.
„Hey, Junge, was machst Du denn für Sachen? Aufwachen. Aufwachen, hast Du gehört? Komm wieder zu Dir!“ Ich drehte ihn zu mir und versetzte ihm abwechselnd rechts und links leichte „Backpfeifen“, um seine Lebensgeister wieder zu erwecken.
Nach gefühlt endlosen Minuten öffnete er für einen Spalt seine Augen und kam nur allmählich zu sich: „Was? Wo bin ich? Was ist passiert?“
Erleichtert atmete ich tief durch und ließ mich auf die Ladekante plumpsen: „Gott sei Dank. Weißt Du nicht mehr? Wir sind auf dem Weg zum Wesenstest und Du bist in Ohnmacht gefallen. Ganz offensichtlich hattest Du eine Panikattacke…“
„Wesenstest? Wieso Wesenstest?“ antwortete er völlig verwirrt.
„Ja, da hast Du uns ganz schön was eingebrockt. Darf ich Dich an unseren Restaurantbesuch letzte Woche erinnern? Im ersten Moment hast Du noch ganz friedlich neben mir gelegen. Dann hat der Jubilar am Nebentisch den Ober gefragt, ob er wohl den KNOCHEN vom Steak auslösen könne. Plötzlich bist Du mit einem Satz auf seinen Tisch gesprungen und hast ihm übers Gesicht geleckt. Bei dem Versuch, Dich einzufangen, hast Du noch die festlich gedeckte Tafel „abgeräumt“.
„Aber er hatte doch Knochen gesagt,“ versuchte sich Malou zu rechtfertigen.
„Und? Was hat er noch gesagt?“
„Dass er der Leiter des Ordnungsamtes wäre und mein ungehöriges Verhalten ernsthafte Konsequenzen habe,“ gab Malou nun sichtlich kleinlaut von sich. Die Erinnerung war wieder zurückgekehrt.
„Eben. Und am nächsten Tag flatterte die Aufforderung „zur Prüfung der Charaktereigenschaften ihres Problemhundes“ in den Briefkasten. Und: Sollten Sie den Termin versäumen, wird die sofortige Inobhutnahme angeordnet.“
„Hör auf damit. Ich darf gar nicht daran denken,“ antwortete Malou mit ängstlichem Blick. Er schien so blass unter seinem Fell, dass man ihn beinahe für einen Weimaraner halten konnte.
Aber wir hatten keine Wahl und mussten die schwere Aufgabe hinter uns bringen. Also machten wir uns wieder auf den Weg in eine ungewisse Zukunft…
Aufgrund des kleinen Zwischenfalls kamen wir mit einer unbedeutenden Verspätung auf dem Testgelände am Stadtrand an. Die Prüferin mit ihren streng zurückgekämmten und zu einem Dutt geflochtenen Haaren wartete bereits am Eingang der eingezäunten Freifläche. Ihr schlichtes, dunkelgraues Kostüm passte zu ihrer Gesamterscheinung. Ungeduldig tippte sie mit ihrem Bleistift auf ihre Schreibunterlage und musterte uns mit zusammengekniffenen Augen.
Malou wich bei ihrem Anblick verschüchtert zur Seite aus und zog seine Rute ein.
Ich versuchte die Situation zu entspannen und stellte uns mit fester Stimme vor: „Das ist der kleine, harmlose Malou. Wir sind hier aufgrund eines kleinen Missverständnisses vorgeladen…“ Gleichzeitig setzte ich mein freundlichstes Lächeln auf.
„Ach. Die Party – Crasher,“ meinte sie kurz angebunden und musterte uns mit einiger Geringschätzung.
Unser Ruf eilte uns offenbar voraus. In Gedanken versuchte ich die Chancen für eine erfolgreiche Teilnahme an der Charakterprüfung durchzuspielen. Jetzt machte sich auch bei mir langsam die Panik breit…
Die gestrenge Prüferin versammelte alle in einem Kreis, stellte sich in die Mitte und teilte den Ablauf des Kontrollverfahrens mit. Voran stellte sie außerdem klar, dass sie keine Milde walten lassen würde und Verfehlungen nicht dulde.
Die Hunde sollten während ihres Vortrages neben uns im Sitz verharren. Malou wurde es trotz seines Unbehagens wie gewöhnlich schnell langweilig: „Was sagt die da? Warum soll ich an einem Kinderwagen mit Kindergeschrei aus einem Tonbandgerät vorbeigehen? So ein Unsinn…“
„Psst.“
„Was wollen all die Leute hier? Mit Gehstock, oder Luftballons, und Verkleidung? Ist das hier ein Rummelplatz?
„Du bist jetzt still. Ich kann ja gar nichts verstehen.“
Angespannt lauschte ich den weiteren Ausführungen der Aufseherin. Als sie fertig war, drehte ich mich zu Malou um. Malou? Wo steckte der nur wieder. Ich ließ meinen Blick über das Gelände schweifen und bemerkte ihn zwischen den Reihen der anderen Vierbeiner. Er schlich von einem Hund zum nächsten flüsterte ihnen scheinbar ganz im Vertrauen ins Ohr. Vermutlich wollte er Ihnen nur ein paar Tipps für die Prüfung stecken. Jetzt wurde es aber Zeit und ich rief ihn an meine Seite. Irgendetwas schien mit ihm passiert zu sein. Er wirkte jetzt auffallend entspannt und gelockert. Der Kontakt zu den anderen Hunden hatte ihm offenbar gut getan…
Frau Inspektorin läutete schließlich mit einem schrillen Pfeifton den Start der Veranstaltung ein.
Beinahe gleichzeitig aber lief der Bullterrier knallrot unter seinem Fell an. Dampf stieg langsam aus seinen Ohren heraus, während er den Boxer auf der anderen Seite fixierte:
„Ich rege mich nicht auf,“ rief er. „Ich rege mich NIE auf. ICH HABE MICH NOCH NIE AUFGEREGT.“ Dann stampfte er los. Der Besitzer wollte das Schlimmste verhindern und verkrampfte sich an der Leine. Er wurde erbarmungslos bäuchlings hinterhergeschliffen. „Was hat dieser Schnösel von Boxer gesagt? Ich sei eine blutunterlaufene Schwabbelbacke. Na warte, der kann was erleben.“
Jetzt kam Leben in die Runde.
Der Malinois ging einem Cocker unvermittelt an die Kehle und fixierte ihn: „Halt, Polizei. Sie sind vorläufig festgenommen. Keine Bewegung. Von wegen, ich komme meinen Pflichten nicht nach."
Der Labrador lief von einem zum anderen: „Findet ihr mich wirklich zu dick? Dabei esse ich gar nicht so viel. Obwohl ich ständig Appetit habe. Ich mache ja auch schon Sport.“
Der eingebildete Königspudel stolzierte durch die Mitte und verkündete mit hoher Stimmlage: „Ich habe mit dem alledem nichts zu tun. Nur weil ich besser aussehe, bin ich noch lange nicht arrogant.“
Der Border Collie umkreiste die Gruppe und rief: „Kommt her, meine verlorenen Schäfchen. Immer schön eng zusammen bleiben. Nicht fortlaufen!“
Alle Probanden waren urplötzlich wie von Sinnen. Nur Malou saß jetzt brav neben mir und zeigte sich betont desinteressiert an dem Chaos, das ihn umgab. Plötzlich kam mir ein unheimlicher Verdacht: „Malou, sei ehrlich, hast Du irgendetwas mit der Situation zu tun?“ Entrüstet schaute er zu mir hoch: „Wie kannst Du nur einen Moment lang glauben, dass ich…,“ Im gleichen Moment kam ein kleiner, kurzbeiniger Jack Russel auf Malou zugelaufen: „Wer hat das nochmal behauptet, ich sei ein kleiner Hosenscheißer? Los sag, wer?“ Mit einem Kopfnicken deutete Malou kaum merklich in Richtung Rottweiler. „Na warte.“ Schon war der Wirbelwind wieder verschwunden. Im Hintergrund brüllte der deutsche Schäferhund: „Malou hat völlig recht. Hier herrscht überhaupt keine Disziplin. ACHTUNG. Alles hört auf mein Kommando. RECHTS UM. STILLGESTANDEN.“
Vorwurfsvoll sah ich den Drahtzieher neben mir an: „Es wird Zeit, dass wir hier verschwinden, bevor du auffliegst. Du wartest jetzt hier und rührst dich nicht vom Platz.“
Schnellen Schrittes suchte ich die Frau vom Amt auf, die sich mit einem Nervenzusammenbruch rücklings auf eine Bank gelegt hatte und sich frische Luft zufächelte. Mit übertriebener Zuwendung bat ich um eine Bescheinigung für die erfolgreiche Teilnahme und hielt ihr das vorgefertigte Dokument hin. Mit glasigen Augen schaute sie unter ihrer Hornbrille hervor und zeichnete gegen. Ich glaube, in diesem Moment hätte sie alles unterschrieben.
Auf dem Weg zum Auto mussten wir den Notausgang benutzten. Am Eingangsgitter stand nämlich der Dobermann und fletschte die Zähne: „Hier kommt keiner mehr raus. Lebend schon gar nicht.“ Ich glaube, er ist durchgefallen…



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