Märchenstunde
- andreschrader
- 2. Feb. 2021
- 2 Min. Lesezeit
Am letzten Wochenende zu Beginn der Adventszeit waren unsere Enkelkinder mal wieder zu Besuch. Während draußen die ersten nasskalten Stürme aufkamen, haben wir uns rund um den Kamin versammelt und die Füße in Richtung Flammen gehalten. Zur Schlafenszeit habe ich das Kinderbuch zur Hand genommen und solange vorgelesen, bis den Kleinen die Augen zufielen. Malou hat sich neben uns auf seinem Fell eingerollt und ebenfalls gelauscht.
Seit dieser Zeit weigert er sich nun, alleine seinen Wouf Pouf aufzusuchen und ohne Gutenachtgeschichte einzuschlafen. Also lege ich mich Abend für Abend zu ihm und beginne mit einem Märchen:
Ich: „Es war einmal…“
Malou, wie immer etwas überdreht: „Das kenn ich schon, das kenn ich schon.“
Ich: „Aber so fangen alle Märchen an.“
Malou: „Oh.“
Ich: „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald…“
Malou: „Was ein Unsinn.“
Ich: „Warum?
Malou: „Im Wald kann man sich doch nicht verlaufen. In der Stadt vielleicht, mit all den Autos. Aber doch nicht im Wald, wo man seine Spur zurückverfolgen kann.“
Ich: „Na, vielleicht ist das nicht die richtige Geschichte für einen Jagdhund mit ausgeprägtem Orientierungssinn. Mal sehen, was wir hier noch haben:
Der rote Vizsla und der Wolf. Es war einmal ein kleiner süßer Vizsla, den hatte jedermann lieb, der ihn nur ansah, am allerliebsten aber seine Großmutter.
(Malou strahlte und drehte sich wohlig in seine Decke ein)
Die Mutter sprach: Komm, kleiner Vizsla, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Wege ab. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf.“
Malou: „Oh je, das kann nicht gut gehen. Es liegt in seiner Natur, dass ein kleiner Vizsla vom Weg abkommt.“
Und so erzählte ich ihm, was er schon erahnte. Von dem Treffen mit dem listigen Wolf, der den kleinen Vizsla immer tiefer in den Wald lockte, anschließend die Großmutter verschlang und mit der Haube im Bett auf die Ankunft des kleinen Vizsla wartete:
„…Ei, Großmutter, warum hast Du so spitze Ohren? – Damit ich besser lauschen kann. – Ei, Großmutter, warum hast du so dunkle Augen? – Damit ich in der Nacht besser sehen kann. – Ei Großmutter, warum hast du keine Zimtnase? Da wusste der böse Wolf, dass er aufgeflogen war. Er sprang aus dem Bett und verschlang den kleinen Vizsla schnell in einem Stück.“
Damit Malou keine Alpträume bekam, erzählte ich schnell noch von dem Jäger, der zufällig vorbeikam, den Bauch aufschnitt und den kleinen Vizsla und die Großmutter rettete.
Malou: „Aber du sagst doch immer, ich solle mich vor dem Jäger hüten?“
Ich: „Aber nur, wenn du mal wieder nicht auf meinen Rückruf hörst und einfach losrennst.“
Malou: „Tust Du mir einen Gefallen?“ – „Klar.“ – „Unter meinem Wouf Pouf liegt noch der kleine Lego, auf dem ich rumgekaut habe. Der drückt ganz fürchterlich…“
Als ich ihn schließlich in seine Decke wickelte, schnarchte er schon tief und fest. „Morgen erzähle ich dir die Geschichte von Prinz Malou auf der Erbse…“
Und die Moral von der Geschicht: Erlege einen Wolf unter Naturschutz nicht. Der Jäger wurde verurteilt zu einer Strafe von 50.000 Euro und verlor seine Lizenz. So lebte er bettelarm bis an sein Lebensende. (ist halt ein modernes Märchen)



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