Rutsch mal
- andreschrader
- 2. Feb. 2021
- 3 Min. Lesezeit
Nach einem langen und harten Arbeitstag kehrte ich am späten Abend völlig übermüdet nach Hause zurück. Ich hatte nur noch einen Wunsch: schnell etwas essen, kurz unter die Dusche und ab ins Bett. Kaum hatte ich mich hingelegt, fiel ich auch schon in einen tiefen und festen Schlaf. Die Entspannung setzte langsam ein und ich hatte einen wundervollen Traum: zusammen mit einer exotischen Schönheit schwamm ich in einer blauen Lagune in kristallklarem Wasser. Unsere Gesichter näherten sich langsam an zu einem leidenschaftlichen Kuss. Vorher berührte mich ihre kleine Stupsnase zärtlich auffordernd an der Wange…und stupste mich an…und stupste mich an…stupste mich an…
Offenbar war ich gefangen in einer Endlosschleife und irgendwie fühlte sich die Nase plötzlich merkwürdig an. Kalt und nass und herb.
Derart irritiert erwachte ich aus meinem Traum und mein Bewusstsein kehrte langsam zurück. Vorsichtig öffnete ich mein linkes Auge zu einem Spalt, um mich im Halbdunkel zu orientieren. Ich schaute direkt auf eine riesige, feuchte Hundeschnauze, nur wenige Millimeter von meinem Gesicht entfernt…stups…
„Rutsch mal. Ich schlafe bei Dir zu Ende.“
„Mmmh,“ brummte ich vor mich hin. Meine Sinne kehrten nur langsam zu mir zurück. „Malou. Wir hatten eine klare Abmachung. Das Bett ist tabu. Punkt. Aus.“ Es geht doch nichts über eine konsequente Hundeerziehung mit klaren, kurzen Ansagen.
„Aber, aber mir ist kalt.“ – „Warte ich hol dir eine Decke.“ – „Ich bin ein Rudeltier. Ich kann nicht alleine einschlafen!“ – „Vergiss es.“ – „Aber ich, ich habe ANGST.“ Schlagartig sah ich ihn an. Mein Sehnerv hatte sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt und ich schaute in die wohl treuesten Hundeaugen, die man sich nur vorstellen kann. „Bütte.“ Seine Unterlippe schob sich langsam nach vorn und bebte. Ich hatte verloren:
„Na gut, aber nur heute Nacht,“ versuchte ich vergeblich, mein Gesicht zu wahren.
Mit unglaublicher Leichtigkeit hüpfte Malou auf die Matratze. Während ich ihm den Rücken zuwandte, drehte er sich drei Mal im Kreis, scharrte mit den Pfoten die Bettdecke zurecht und warf sich schließlich mit seinem gesamten Gewicht gegen meinen müden Körper, begleitet von einem wohligen Grunzen. Er hatte sein Ziel erreicht.
Offenbar war er noch nicht wirklich wieder müde. Also versuchte er, seinen Sieg vollkommen zu machen, indem er sich für die kommenden Nächte einen festen Platz unter meiner Decke sicherte.
„Papa?“ – „Mmh?“ – „Hunde, die im Bett schlafen, sind viel ausgeglichener. Die schlafen dann bis zu 45 Minuten länger.“ – „Ach ja?“ Diese Erkenntnis war mir in dem Moment wirklich egal.
Malou gab nicht auf: „Außerdem ist es wissenschaftlich bewiesen, dass Kinder, die im Bett der Eltern schlafen, intelligenter sind.“ Ich: „Aber Du bist schon 5 Jahre alt. Gemessen am menschlichen Alter bist du längst erwachsen.“ Malou: „Ja, aber man lernt nie aus. Ich sag immer: nehmt die Hunde mit ins Bett und ihr spart euch hinterher die Hundeschule. Von der engeren Bindung beim Co-Sleeping ganz zu schweigen. Hast Du schon mal über eines dieser neuen „Familienbetten“ in Überbreite nachgedacht?“ Und schon schwärmte er mir von dem Sondermodell Carmen mit der Premiummatratze Vivaldi vor. Super soft mit elektrischen Einstellvarianten in alle Richtungen. Die Federkerne von Hand genestet.
Wo hatte er das nur alles wieder aufgeschnappt. Ich jedenfalls hatte für den Moment genug gehört. Hellwach richtete ich mich auf, sah ihn verständnislos an und verließ mein warmes Bett, in dem ich gerade noch friedlich geschnarcht hatte.
Malou: „Wo willst Du hin?“ – „Ich geh in die Küche. Mal sehen, was der Kühlschrank noch so hergibt.“ – „Kein Wunder, dass du in letzter Zeit so unausgeglichen bist. Mit vollem Magen kann man einfach nicht gut schlafen!“
Protestierend hob ich meinen Zeigefinger, um etwas zu erwidern. Aber da war Malou bereits wieder fest eingeschlafen und schlummerte sorglos vor sich hin.
Resignierend musste ich mir eingestehen, dass es wohl besser ist, wenn ich mich einfach mit der neuen Situation abfinde…



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