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Seelenverwandt

  • andreschrader
  • 2. Feb. 2021
  • 2 Min. Lesezeit

Hinter uns lag ein viel zu langer und grauer Winter mit stürmischen Regenfällen. Umso mehr haben wir die ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühjahr genossen. Was gibt es da Schöneres, als viel Bewegung an der frischen Luft mit seinem Hund. Nach einer langen Wanderung machten wir am Nachmittag eine letzte Rast und ließen uns auf einer Bank oberhalb des Heimatdorfes nieder. Malou machte es sich neben mir auf seiner Decke gemütlich, die man für ihn auf ausgedehnten Spaziergängen immer dabeihaben musste.

Schweigend saßen wir nebeneinander und ließen unseren Geist langsam treiben. Und so kam Malou schließlich ein wichtiger Gedanke, der die wohltuende Stille durchbrach:

„Wer ist eigentlich dieser Seelenverwandte, von dem immer alle reden?“

„Hm. Das ist jemand, mit dem man sich auf Anhieb versteht und man spürt vom ersten Augenblick ein tiefes Vertrauen.“

„Haben wir auch so einen in der Familie?“

„Ganz bestimmt haben wir das.“

„Können wir ihn mal besuchen?“

Ich lächelte ihn nachsichtig an: „Es ist nicht, wie Du denkst. So ein Verwandter deiner Seele ist eine sehr persönliche Angelegenheit und kein einfacher Angehöriger.“ Obwohl er ja genau genommen doch zu einem gehört, wenn auch nicht wegen seiner Abstammung, also eher ein Zugehöriger.


Ich fuhr mit meinen Erklärungen fort: „Was ich sagen will, die Person ist kein Verwandter im eigentlichen Sinne, und schon gar kein entfernter. Im Gegenteil, auch wenn er weit weg ist, bleibt er uns trotzdem immer nah. Man fährt auch nicht einfach zu Besuch, um ihn zu treffen. Insgeheim weiß er immer ganz genau, dass du ihn brauchst, und dann steht er vor dir.“

Man konnte Malou ansehen, dass er nicht richtig verstand.

„Es ist wie die große Liebe auf den ersten Blick.

Ich kann mich noch genau an den Augenblick erinnern, als wir Dich zum ersten Mal gesehen haben. Neun kleine Welpen haben friedlich in ihrer Wurfbox geschlafen, nur ein kleiner Wirbelwind ist über all seine Geschwisterkinder geklettert, um es bis zu uns zu schaffen. In diesem Moment stand für uns felsenfest: diesen oder keinen.“

Malou schielte schelmisch zu mir herüber: „Vielleicht wollte ich auch nur flüchten…?“

„Es war so, wie ich gesagt habe. Höre auf Dein Herz und Du wirst Deinen Seelenpartner erkennen. Vom ersten Augenblick spürst Du diese besondere Anziehungskraft. In seiner Gegenwart hast Du das Gefühl, endlich angekommen und vollständig zu sein. Es ist eine Verbindung, die man nicht erklären kann. Man hat die gleichen Gedanken und teilt die gleichen Emotionen. Und das Wichtigste ist: man versteht sich auch ohne ein einziges Wort zu sagen. Und das über mehrere Kilometer Entfernung.“


Ich holte mein Handy aus der Tasche: „Warte kurz. Die Mama ruft gleich an.“ Malou: „Was möchte sie denn?“ Ich: „Ach, wir sollen ihr auf dem Rückweg nur etwas aus der Apotheke mitbringen.“ Das Telefon klingelte und ich ging ran: „Hallo Schatz…“

Nachdem ich das Gespräch beendet hatte, drehte sich Malou nachdenklich zu mir um: „Könntest Du Dir eigentlich vorstellen, mein persönlicher Seelenverwandter zu sein?“ – „Ich fürchte, die Stelle ist leider schon belegt,“ gab ich ihm zur Antwort. Malou: „Die Mama?“ – „Genau.“ – „Aber der Vize-Posten wäre noch frei.“ – Lächelnd strich ich ihm über den Kopf: „Ich denk mal drüber nach.“


Wieder blickten wir lange Zeit in das Tal hinab, ohne ein Wort zu verlieren. Bei Einbruch der Dunkelheit fragte ich ihn: „Wollen wir los?“ Malou sah mich an: „Komisch, das wollte ich auch gerade sagen.“



 
 
 

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